Mittwoch, 8. April 2015

Auch diesen Artikel habe ich vor langer Zeit geschrieben. Für irgendeine (welche?) Zeitschrift.


ECM - Eine Hymne an den Klang

Wie kann man 28 Jahre lang Avantgarde und Jazz ohne Offenbarungseid produzieren und ohne jeden Monat mindestens einmal den Gerichtsvollzieher vertrösten zu müssen?  Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Man nehme einen besessenen Produzenten, Studios allererster Güteklasse, jungfräuliches Vinyl verpackt in Hüllen aus Romantic und Phantasie und nicht zu vergessen: einige Dutzend hochklassige Musiker. Das Etikett ECM steht für „European Contemporary Music“, wurde von Beginn an aber nie engstirnig gehandhabt: Es darf daran erinnert werden, dass ein damals in München lebender Pianist, der US-Amerikaner Mal Waldron,  die heute legendäre ECM 1001 bespielt hat - eine LP, deren Originalausgabe im Klappcover mit den beiliegenden Notenblätten heute als echte Rarität angesehen bzw. angehört werden kann. Manfred Scheffner und sein Versand „Jazz by post“ fungierte in der Anfangszeit in Personalunion gleichermaßen als Produzent und Vertrieb.

DER PRODUZENT
Nach über 500 LP’s und CD’s darf der Name des Initiators und Fast-Allein-Produzenten Manfred Eicher - selbst kurzfristig als Bassist in des Scene des Freien Jazz in Bayern und Umgebung aktiv - im Jahre 1997 getrost in eine Reihe mit Alfred Lion von Blue Note, Norman Granz von Verve, Orin Keepnews von Riverside/Jazzland oder Lester Koenig von Contemporary gesetzt werden. Trotz aller Anfeindungen der „wahren“ Jazzfreaks, die ihn mit dem Vorwurf,  dem reinen Schönklang zu huldigen, bombadierten und kritisierten, dass die Musiker in gleicher Besetzung unter verschiedenen Leadern immer wieder in die Studios geholt wurden (hat das Blue Note oder andere Label nicht ebenso gemacht???) konnte niemand aus der internationalen Kritikerzunft seinem Image nennenswerte Kratzer verpassen. Der Erfolg Keith Jarretts als Solo-Pianist ist sicher mit ein Verdienst von Manfred Eicher und Jan Garbarek würde ohne ihn vielleicht immer noch in der norwegischen Rundfunkband oder in der Big Band von George Russell spielen. Der langfristige Erfolg eines Jazz-Musik-Produzenten besteht auch daraus, für die Anhänger des Modern Jazz Futter zu liefern, und es waren beileibe keine Brosamen, die ihnen vorgeworfen wurden: Dave Holland’s „Conference of the birds“ oder „Nice guys“ mit dem Art Ensemble of Chicago sollen und können nur stellvertretend genannt werden. Diese trugen sicher nicht zum wirtschaftlich gesunden Fundament bei, dazu war das „Köln-Concert“ von Keith Jarrett oder Chick Corea’s „Return to forever“ sicher einträglicher. Eine geschickte Wahl des weltweiten Vertriebes sind unabdingliche Vorraussetzung - das gesamte Repertoire ständig abrufbereit zu halten, wird als Selbstverständlichkeit vom potentiellen Käufer erwartet. Dass war und ist für die Münchener Firma immer eine Selbstverständlichkeit. Zu einem Produzentenkonzept gehört neben unbedingtem Überzeugtsein auch dickköpfige Sturrheit, neben der langjährigen Freundschaft mit Musikern auch knallhartes finanzielles Kalkül - mit allem ist Manfred Eicher anscheinend gut ausgestattet. Die Fähigkeit, sich offene Ohren auf für ungewöhnliche Klänge bewahrt zu haben, hat zur Produktion einer neuen Serie, „The New Serie“ genannt, geführt. Meredith Monk, Arvo Pärt oder Keith Jarrett mit Mozarts Klavierkonzerten, das Hillard Ensemble erweitern das Spektrum des Labels und weisen in das 21.Jahrhundert.

DIE STUDIOS
Die Aufnahmetechnik in den Studios, in denen der Löwenanteil der ECM-Aufnahmesitzungen stattfanden und -finden, scheint geradezu prädestiniert dazu, den Sound, der manchmal abwertend „Next-to-silence“ genannt wurde, zu konservieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob analog oder digitale Technik verwendet wird; bezeichnenderweise ist der Übergang von LP auf CD von kaum einen anderen Label so ohne Schwierigkeiten gemeistert worden wie bei diesem. Das Osloer Arne Bendiksen/Talent Studio/Rainbow Studio und das Tonstudio Bauer in Ludwigsburg sind zudem in der glücklichen Situation, mit Jan Erik Kongshaug und Martin Wieland, Toningenieure mit guten Ohren, Enthusiasmus und Bodenständigkeit verpflichtet zu haben. Kennzeichend, dass auf die Anfrage nach audiophilen LP’s, der Vertrieb sagt: „Alle unsere Platten sind immer schon audiophil gewesen und unser Vinyl immer schon ausschließlich aus neuem Bestand.“ Die unendlichen Klangräume der folkgeprägten Garbarekschen Tenor- und Sopranstimme wären ohne die (hier besonders die Osloer) ECM-Studios nicht in Japan und nicht in den USA hörbar gemacht worden.

DIE COVER
Es gibt einige wenige Bücher mit Abbildungen von Jazzplatten-covern: Blue Note, David Stone Martin, West-Coast und East-Coast fallen mir ein. Das ECM-Buch „Sleeves of desire“ sollte man/frau sich dazu stellen, denn kaum jemand wird seine Sammlerwut so weit getrieben haben, alle ECM-Platten zu kaufen. So können wenigstens die Hüllen optisch genossen werden. Jeder Designer, der in den letzen 50 Jahren, Dinge des täglichen Gebrauchs entworfen hat, wird dieses Kultbuch bewundern. Das Geheimnis der im wahren Sinne des Wortes „phantastischen“ Cover liegt in der Vielfalt, egal ob Fotos, Graphik, Malerei oder Schriftkunst verwendet wurde, der Abstimmung zur veröffentlichten Musik und dem Wiedererkennungseffekt als „eindeutig ECM“. Das Konzept der hörbaren Landschaft, vom Ehepaar Wojirsch und Dieter Rehm graphisch umgesetzt, macht die Identifizierung einfach und der Vorwurf, das Auswahlkriterium sei nur die reine Schönheit fällt in sich zusammen - angesichts des Erfolgs dieser Art von Gebrauchsgraphik.. Schließlich darf nicht vergessen werden: eine Plattenhülle ist lediglich die Tüte für das Hauptprodukt: die Musik. Zu Recht nennt Manfred Sack (Die Zeit) das Coverbuch „ein kulturelles Wunder in einer profitgierigen Welt“.

DIE MUSIKER
Von dem hin und wieder zu hörenden Vorwurf, auf ECM gäbe es nur immer die selben Musiker mit immer derselben Musik zu hören, möchte ich den Produzenten freisprechen: Die stilistische, instrumentale und geographische Bandbreite ist bei weitem größer als bei jedem anderen Plattenlabel aus Vergangenheit und Gegenwart. Kritisch gehört, haben sowohl Blue Note als auch Verve, sowohl Enja als auch Hat Art, das Spektrum ihrer Produkte viel enger eingegrenzt. Dies gilt zumindest dann, wenn bestimmte Zeiträume eingeklammert werden. ECM hat neben Chick Corea’s Solo Piano seine Gruppe „Circle“ veröffentlicht, hat gleichermaßen Keith Jarrett’s Quartetaufnahmen vorgestellt wie seine „Sun Bear“ Konzerte. Die Welten, die zwischen dem Trio von Jimmy Giuffre und den Soli von Egberto Gismonti, zwischen Eberhard Weber’s Colours und den Urban Bushmen vom Art Ensemble of Chicago liegen, waren für ECM ohne Bedeutung. Ein Fakt, den leider nicht immer alle HörerInnen akzeptiert haben. Von diesen können leider nur wenige die Ohren neugierig geöffnet hochgestellt halten, wenn nach „The Windup“ von Keith Jarrett oder „Devine love“ von Leo Smith das Hillard Ensemble einen akustischen Ausflug ins 17. und 18. Jahrhundert anbietet.

Zu wünschen ist, dass die nächsten 600 Produktionen in den vor uns liegenden 28 Jahren auf kalkarme Ohren und Arterien treffen und dass Manfred Eicher nicht den Mut und die Kraft verliert, dem Kulturgut Jazz eine Plattform zu bieten, ob auf LP, CD oder XYZ.

Dr.Michael Frohne


Masqualero  Re-enter

ECM 1437
rec. 12.1990 Oslo,N
Nils Petter Molvaer tp / Tore Brunborg ts,ts / Arild Andersen b / Jon Christensen dr,perc
Re-enter / Lill’ Lisa / Heiemo - Gardsjenta / Gaia / Little song / There is no jungle in Baltimore / Find another animal / Stykkevis og delt

prod. Manfred Eicher
55min

Bei den über 400 Tonträgern, die bis zum Jahr 1990 bereits von ECM veröffentlicht waren, darf man/frau ohne schlechtes Gewissen gestehen, die Gruppe „Masqualero“ zugunsten eines besser bekannten Musikers im Neuheitenfach stehen gelassen zu haben. Wie gut, dass die Repertoirepflege bei der Firma einen so hohen Stellenwert hat, und die LP auch 7 Jahre nach Erscheinen greifbar ist. Die Unisono-Linien des Trompeter und Saxophonisten und die Betonung durch den Bassisten jenseits des erwarteten Beats, lassen an das Ornette Coleman Quartet aus den 50 Jahren erinnern, dies als Kompliment gemeint, weil die beiden Bläser sich vom Vorbild lösen, ohne Ängste auch 2 Themen aus der traditionellen norwegischen Volksmusik verarbeiten und der Schlagzeuger die Akzentuierung eines Ed Blackwell perfekt beherrscht. Dem kommt die durchsichtige Abmischung entgegen, die Pressung ist wie gewohnt ohne Fehl und Tadel. Eine echte Entdeckung für mich - vielleicht auch für andere?

Hal Russell / NRG Ensemble  The Finnish/Swiss Tour
ECM 1455
rec. 11.1980 Tampere/Zürich
Hal Russell ts,ss,tp,vib,dr / Mars Williams ts,ss,didgeridoo / Brian Sandstrom b,tp,g / Kent Kessler b,b-g,didgeridoo / Steve Hunt dr,vib,didgeridoo
Monica’s having a baby / Aila - 35 Basic / Temporarily / Raining violets / For MC / Dance of the spider people / Ten letters of love / Hal the weenie / Linda’s rock vamp / Mars theme

prod. Steve Lake
64min

Warum soll nicht jemand mit 50 Jahren Saxophon zu spielen lernen können? Wenn er dann 20 Jahre übt, kann er sehr wohl mit 70 bei ECM eine LP einspielen. Als Schlagzeuger war Hal Russell in der ersten Free Jazz Gruppe Chicagos, dem Joe Daley Trio, bevor er 1969 sein erstes NRG Ensemble gründete. Die erste Europatournee im Winter 1990 bestand aus 6 Konzerten in der Nähe des Polarkreises und einem beim Züricher Festival. Albert Ayler läßt grüssen, der Humor, der dem Quintet und seiner Ausdrucksstärke gut tut, ist hinzugekommen. Die Themen sind unwichtig, was im Kopf passiert und wohin sie während der Improvisation tragen, das zählt. Insgesamt eine der abwechslungsreichsten LP’s der letzten Jahre. Lassen Sie sich von den kurzen freien Passagen, die Freude an der Entdeckung einimpfen: Warum nicht dem Optimismus und dem Abenteuer nachgeben.Gehen Sie in die Konzerte, hören Sie die Konserve mit großer Lautstärke. Ein echter Genuß, auch wenn die Aufnahmetechnik nicht dem gewohnt hohen ECM Niveau entspricht. Folgen Sie dem NRG Ensemble frei nach William Blake: "Energy is eternal delight".


Jan Garbarek  Star
ECM 1444
rec. 1.1991 Oslo
Jan Garbarek ss,ts / Miroslav Vitous b / Peter Erskine dr
Star / Jumper / Lamenting / Anthem / Roses for you / Clouds in the mountain / Snowman / The music of my people

prod. Manfred Eicher
42min

Ich muss gestehen, dass zwischen „Afric Pepperbird“ aus dem Jahr 1970 und „Wichi-tai-to“ von 1973 und einigen wenigen Konzertbesuchen bis 1997 der Name von Jan Garbarek in meinem Gehirn eher ohne Assoziationsketten, ohne Neugierde zu wecken, gelegen ist. Sicher veröffentlichte ECM jedes Jahr die schon beinahe obligatorische Klangraum-LP oder -CD, sicher war jedes Jahr mindestens eine Tournee, viele Festivalauftritte angesagt. Aber nur schön? Wer will das schon hören? „Star“ von 1991 ist da fast eine Bestätigung. Wären da nicht der Schlagzeuger Peter Erskine und der Bassist Miroslav Vitous, die den Absturz in die Beliebkeit verhindern!  Der Klang ist sauber, einfühlsam und gibt die Assoziation der weiten Landschaft ohne Hochspannungsleitungen weiter. Die Pressqualität ist vorbildlich, die LP verführt dazu, den Sonntagabend im Sessel ohne TV mit Rotwein träumend zu verbringen. Da erwartet man vielleicht auch gar nicht , dass musikalisches Neuland gesucht und betreten wird.


Kenny Wheeler  Music for large & small ensembles
ECM 1415/16
rec.  1/2. 1990 Oslo/London
Kenny Wheeler flh,tp / John Abercrombie g / John Taylor p / Dave Holland b / Peter Erskine dr /Norma Winstone voc / Derek Watkins tp / Henry Lowther tp / Alan Downey tp / Ian Hamer tp / Dave Horler tb / Chris Pyne tb / Paul Rutherford tb / Hugh Fraser tb / Ray Warleigh as / Duncan Lamont ts / Evan Parker ss,ts / Stan Sulzmann ts,fl / Julian Arguelles bs
The Sweet time suite / Sophie / Sea lady / Gentle piece / Trio / Duet I / Duet II / Duet III / Trio / By myself

prod. Manfred Eicher
103 min

Die LP's von Kenny Wheeler sind nie von agressiven Tönen beherrscht. Diese Feststellung schließt diese Doppel-LP ein. Der in England lebende Kanadier, der dem Flügelhorn als Hauptinstrument den Vorzug vor der Trompete gibt, hat die junge und alte Avantgarde um sich versammelt und von der Grossformation bis zum Duo um sich gruppiert. Er ist aber beileibe nicht der musikalische Guru, das verbietet auch die Eigenständigkeit der Kollegen/Kolleginnen. Das Rohmaterial wird von ihm geliefert, hier und da Akzente gesetzt. Ansonsten ist blindes Verständnis pure Selbstverständlichkeit. Zu entdecken gibt es besinnliche Klangwelten, erfahrbare Kommunikation und rhythmische Abwechslung. Die Suite in der orchestralen Besetzung beweist, wie wichtig mutige Produzenten sind: Obwohl Kenny Wheeler seit mehr als 30 Jahren für Großformationen schreibt, sind ganze 3 Stücke veröffentlicht worden: die beiden anderen, "Windmill Tilter" und "Song for Someone" seit Jahren als LP vergriffen und als CD nicht erschienen. Die jährlichen BBC-Produktionen böten da reiche Betätigungsfelder.
Zum Sound: Wenig Nachhall läßt den Klang unmittelbarer wirken, was den kleinen Formationen und der grossen Besetzung gleichermassen zugute kommt. Das Booklet mit dem Text von Steve Lake beschreibt en detail den Aufbau der einzelnen Teile der Suite.
Eine Fortsetzung, was den subitlen Kammerjazz betrifft, erwarte ich von Kenny Wheeler's neuer ECM-Produktion "Angel song" mit Lee Konitz, Bill Frisell und Dave Holland. Aber das ist ein neues Kapitel.
Kenny Wheeler hat in einem NBC-Fernsehinterview geäussert, er wolle spielen, bis ihm die Zähne aus dem Mund fallen würden. Hoffen wir, dass das noch lange nicht passiert oder er mit einer guten Prothese weiterspielen kann.

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