Mittwoch, 8. April 2015

Auch diesen Artikel habe ich vor langer Zeit geschrieben. Für irgendeine (welche?) Zeitschrift.


ECM - Eine Hymne an den Klang

Wie kann man 28 Jahre lang Avantgarde und Jazz ohne Offenbarungseid produzieren und ohne jeden Monat mindestens einmal den Gerichtsvollzieher vertrösten zu müssen?  Die Antwort ist einfach und komplex zugleich: Man nehme einen besessenen Produzenten, Studios allererster Güteklasse, jungfräuliches Vinyl verpackt in Hüllen aus Romantic und Phantasie und nicht zu vergessen: einige Dutzend hochklassige Musiker. Das Etikett ECM steht für „European Contemporary Music“, wurde von Beginn an aber nie engstirnig gehandhabt: Es darf daran erinnert werden, dass ein damals in München lebender Pianist, der US-Amerikaner Mal Waldron,  die heute legendäre ECM 1001 bespielt hat - eine LP, deren Originalausgabe im Klappcover mit den beiliegenden Notenblätten heute als echte Rarität angesehen bzw. angehört werden kann. Manfred Scheffner und sein Versand „Jazz by post“ fungierte in der Anfangszeit in Personalunion gleichermaßen als Produzent und Vertrieb.

DER PRODUZENT
Nach über 500 LP’s und CD’s darf der Name des Initiators und Fast-Allein-Produzenten Manfred Eicher - selbst kurzfristig als Bassist in des Scene des Freien Jazz in Bayern und Umgebung aktiv - im Jahre 1997 getrost in eine Reihe mit Alfred Lion von Blue Note, Norman Granz von Verve, Orin Keepnews von Riverside/Jazzland oder Lester Koenig von Contemporary gesetzt werden. Trotz aller Anfeindungen der „wahren“ Jazzfreaks, die ihn mit dem Vorwurf,  dem reinen Schönklang zu huldigen, bombadierten und kritisierten, dass die Musiker in gleicher Besetzung unter verschiedenen Leadern immer wieder in die Studios geholt wurden (hat das Blue Note oder andere Label nicht ebenso gemacht???) konnte niemand aus der internationalen Kritikerzunft seinem Image nennenswerte Kratzer verpassen. Der Erfolg Keith Jarretts als Solo-Pianist ist sicher mit ein Verdienst von Manfred Eicher und Jan Garbarek würde ohne ihn vielleicht immer noch in der norwegischen Rundfunkband oder in der Big Band von George Russell spielen. Der langfristige Erfolg eines Jazz-Musik-Produzenten besteht auch daraus, für die Anhänger des Modern Jazz Futter zu liefern, und es waren beileibe keine Brosamen, die ihnen vorgeworfen wurden: Dave Holland’s „Conference of the birds“ oder „Nice guys“ mit dem Art Ensemble of Chicago sollen und können nur stellvertretend genannt werden. Diese trugen sicher nicht zum wirtschaftlich gesunden Fundament bei, dazu war das „Köln-Concert“ von Keith Jarrett oder Chick Corea’s „Return to forever“ sicher einträglicher. Eine geschickte Wahl des weltweiten Vertriebes sind unabdingliche Vorraussetzung - das gesamte Repertoire ständig abrufbereit zu halten, wird als Selbstverständlichkeit vom potentiellen Käufer erwartet. Dass war und ist für die Münchener Firma immer eine Selbstverständlichkeit. Zu einem Produzentenkonzept gehört neben unbedingtem Überzeugtsein auch dickköpfige Sturrheit, neben der langjährigen Freundschaft mit Musikern auch knallhartes finanzielles Kalkül - mit allem ist Manfred Eicher anscheinend gut ausgestattet. Die Fähigkeit, sich offene Ohren auf für ungewöhnliche Klänge bewahrt zu haben, hat zur Produktion einer neuen Serie, „The New Serie“ genannt, geführt. Meredith Monk, Arvo Pärt oder Keith Jarrett mit Mozarts Klavierkonzerten, das Hillard Ensemble erweitern das Spektrum des Labels und weisen in das 21.Jahrhundert.

DIE STUDIOS
Die Aufnahmetechnik in den Studios, in denen der Löwenanteil der ECM-Aufnahmesitzungen stattfanden und -finden, scheint geradezu prädestiniert dazu, den Sound, der manchmal abwertend „Next-to-silence“ genannt wurde, zu konservieren. Es spielt dabei keine Rolle, ob analog oder digitale Technik verwendet wird; bezeichnenderweise ist der Übergang von LP auf CD von kaum einen anderen Label so ohne Schwierigkeiten gemeistert worden wie bei diesem. Das Osloer Arne Bendiksen/Talent Studio/Rainbow Studio und das Tonstudio Bauer in Ludwigsburg sind zudem in der glücklichen Situation, mit Jan Erik Kongshaug und Martin Wieland, Toningenieure mit guten Ohren, Enthusiasmus und Bodenständigkeit verpflichtet zu haben. Kennzeichend, dass auf die Anfrage nach audiophilen LP’s, der Vertrieb sagt: „Alle unsere Platten sind immer schon audiophil gewesen und unser Vinyl immer schon ausschließlich aus neuem Bestand.“ Die unendlichen Klangräume der folkgeprägten Garbarekschen Tenor- und Sopranstimme wären ohne die (hier besonders die Osloer) ECM-Studios nicht in Japan und nicht in den USA hörbar gemacht worden.

DIE COVER
Es gibt einige wenige Bücher mit Abbildungen von Jazzplatten-covern: Blue Note, David Stone Martin, West-Coast und East-Coast fallen mir ein. Das ECM-Buch „Sleeves of desire“ sollte man/frau sich dazu stellen, denn kaum jemand wird seine Sammlerwut so weit getrieben haben, alle ECM-Platten zu kaufen. So können wenigstens die Hüllen optisch genossen werden. Jeder Designer, der in den letzen 50 Jahren, Dinge des täglichen Gebrauchs entworfen hat, wird dieses Kultbuch bewundern. Das Geheimnis der im wahren Sinne des Wortes „phantastischen“ Cover liegt in der Vielfalt, egal ob Fotos, Graphik, Malerei oder Schriftkunst verwendet wurde, der Abstimmung zur veröffentlichten Musik und dem Wiedererkennungseffekt als „eindeutig ECM“. Das Konzept der hörbaren Landschaft, vom Ehepaar Wojirsch und Dieter Rehm graphisch umgesetzt, macht die Identifizierung einfach und der Vorwurf, das Auswahlkriterium sei nur die reine Schönheit fällt in sich zusammen - angesichts des Erfolgs dieser Art von Gebrauchsgraphik.. Schließlich darf nicht vergessen werden: eine Plattenhülle ist lediglich die Tüte für das Hauptprodukt: die Musik. Zu Recht nennt Manfred Sack (Die Zeit) das Coverbuch „ein kulturelles Wunder in einer profitgierigen Welt“.

DIE MUSIKER
Von dem hin und wieder zu hörenden Vorwurf, auf ECM gäbe es nur immer die selben Musiker mit immer derselben Musik zu hören, möchte ich den Produzenten freisprechen: Die stilistische, instrumentale und geographische Bandbreite ist bei weitem größer als bei jedem anderen Plattenlabel aus Vergangenheit und Gegenwart. Kritisch gehört, haben sowohl Blue Note als auch Verve, sowohl Enja als auch Hat Art, das Spektrum ihrer Produkte viel enger eingegrenzt. Dies gilt zumindest dann, wenn bestimmte Zeiträume eingeklammert werden. ECM hat neben Chick Corea’s Solo Piano seine Gruppe „Circle“ veröffentlicht, hat gleichermaßen Keith Jarrett’s Quartetaufnahmen vorgestellt wie seine „Sun Bear“ Konzerte. Die Welten, die zwischen dem Trio von Jimmy Giuffre und den Soli von Egberto Gismonti, zwischen Eberhard Weber’s Colours und den Urban Bushmen vom Art Ensemble of Chicago liegen, waren für ECM ohne Bedeutung. Ein Fakt, den leider nicht immer alle HörerInnen akzeptiert haben. Von diesen können leider nur wenige die Ohren neugierig geöffnet hochgestellt halten, wenn nach „The Windup“ von Keith Jarrett oder „Devine love“ von Leo Smith das Hillard Ensemble einen akustischen Ausflug ins 17. und 18. Jahrhundert anbietet.

Zu wünschen ist, dass die nächsten 600 Produktionen in den vor uns liegenden 28 Jahren auf kalkarme Ohren und Arterien treffen und dass Manfred Eicher nicht den Mut und die Kraft verliert, dem Kulturgut Jazz eine Plattform zu bieten, ob auf LP, CD oder XYZ.

Dr.Michael Frohne


Masqualero  Re-enter

ECM 1437
rec. 12.1990 Oslo,N
Nils Petter Molvaer tp / Tore Brunborg ts,ts / Arild Andersen b / Jon Christensen dr,perc
Re-enter / Lill’ Lisa / Heiemo - Gardsjenta / Gaia / Little song / There is no jungle in Baltimore / Find another animal / Stykkevis og delt

prod. Manfred Eicher
55min

Bei den über 400 Tonträgern, die bis zum Jahr 1990 bereits von ECM veröffentlicht waren, darf man/frau ohne schlechtes Gewissen gestehen, die Gruppe „Masqualero“ zugunsten eines besser bekannten Musikers im Neuheitenfach stehen gelassen zu haben. Wie gut, dass die Repertoirepflege bei der Firma einen so hohen Stellenwert hat, und die LP auch 7 Jahre nach Erscheinen greifbar ist. Die Unisono-Linien des Trompeter und Saxophonisten und die Betonung durch den Bassisten jenseits des erwarteten Beats, lassen an das Ornette Coleman Quartet aus den 50 Jahren erinnern, dies als Kompliment gemeint, weil die beiden Bläser sich vom Vorbild lösen, ohne Ängste auch 2 Themen aus der traditionellen norwegischen Volksmusik verarbeiten und der Schlagzeuger die Akzentuierung eines Ed Blackwell perfekt beherrscht. Dem kommt die durchsichtige Abmischung entgegen, die Pressung ist wie gewohnt ohne Fehl und Tadel. Eine echte Entdeckung für mich - vielleicht auch für andere?

Hal Russell / NRG Ensemble  The Finnish/Swiss Tour
ECM 1455
rec. 11.1980 Tampere/Zürich
Hal Russell ts,ss,tp,vib,dr / Mars Williams ts,ss,didgeridoo / Brian Sandstrom b,tp,g / Kent Kessler b,b-g,didgeridoo / Steve Hunt dr,vib,didgeridoo
Monica’s having a baby / Aila - 35 Basic / Temporarily / Raining violets / For MC / Dance of the spider people / Ten letters of love / Hal the weenie / Linda’s rock vamp / Mars theme

prod. Steve Lake
64min

Warum soll nicht jemand mit 50 Jahren Saxophon zu spielen lernen können? Wenn er dann 20 Jahre übt, kann er sehr wohl mit 70 bei ECM eine LP einspielen. Als Schlagzeuger war Hal Russell in der ersten Free Jazz Gruppe Chicagos, dem Joe Daley Trio, bevor er 1969 sein erstes NRG Ensemble gründete. Die erste Europatournee im Winter 1990 bestand aus 6 Konzerten in der Nähe des Polarkreises und einem beim Züricher Festival. Albert Ayler läßt grüssen, der Humor, der dem Quintet und seiner Ausdrucksstärke gut tut, ist hinzugekommen. Die Themen sind unwichtig, was im Kopf passiert und wohin sie während der Improvisation tragen, das zählt. Insgesamt eine der abwechslungsreichsten LP’s der letzten Jahre. Lassen Sie sich von den kurzen freien Passagen, die Freude an der Entdeckung einimpfen: Warum nicht dem Optimismus und dem Abenteuer nachgeben.Gehen Sie in die Konzerte, hören Sie die Konserve mit großer Lautstärke. Ein echter Genuß, auch wenn die Aufnahmetechnik nicht dem gewohnt hohen ECM Niveau entspricht. Folgen Sie dem NRG Ensemble frei nach William Blake: "Energy is eternal delight".


Jan Garbarek  Star
ECM 1444
rec. 1.1991 Oslo
Jan Garbarek ss,ts / Miroslav Vitous b / Peter Erskine dr
Star / Jumper / Lamenting / Anthem / Roses for you / Clouds in the mountain / Snowman / The music of my people

prod. Manfred Eicher
42min

Ich muss gestehen, dass zwischen „Afric Pepperbird“ aus dem Jahr 1970 und „Wichi-tai-to“ von 1973 und einigen wenigen Konzertbesuchen bis 1997 der Name von Jan Garbarek in meinem Gehirn eher ohne Assoziationsketten, ohne Neugierde zu wecken, gelegen ist. Sicher veröffentlichte ECM jedes Jahr die schon beinahe obligatorische Klangraum-LP oder -CD, sicher war jedes Jahr mindestens eine Tournee, viele Festivalauftritte angesagt. Aber nur schön? Wer will das schon hören? „Star“ von 1991 ist da fast eine Bestätigung. Wären da nicht der Schlagzeuger Peter Erskine und der Bassist Miroslav Vitous, die den Absturz in die Beliebkeit verhindern!  Der Klang ist sauber, einfühlsam und gibt die Assoziation der weiten Landschaft ohne Hochspannungsleitungen weiter. Die Pressqualität ist vorbildlich, die LP verführt dazu, den Sonntagabend im Sessel ohne TV mit Rotwein träumend zu verbringen. Da erwartet man vielleicht auch gar nicht , dass musikalisches Neuland gesucht und betreten wird.


Kenny Wheeler  Music for large & small ensembles
ECM 1415/16
rec.  1/2. 1990 Oslo/London
Kenny Wheeler flh,tp / John Abercrombie g / John Taylor p / Dave Holland b / Peter Erskine dr /Norma Winstone voc / Derek Watkins tp / Henry Lowther tp / Alan Downey tp / Ian Hamer tp / Dave Horler tb / Chris Pyne tb / Paul Rutherford tb / Hugh Fraser tb / Ray Warleigh as / Duncan Lamont ts / Evan Parker ss,ts / Stan Sulzmann ts,fl / Julian Arguelles bs
The Sweet time suite / Sophie / Sea lady / Gentle piece / Trio / Duet I / Duet II / Duet III / Trio / By myself

prod. Manfred Eicher
103 min

Die LP's von Kenny Wheeler sind nie von agressiven Tönen beherrscht. Diese Feststellung schließt diese Doppel-LP ein. Der in England lebende Kanadier, der dem Flügelhorn als Hauptinstrument den Vorzug vor der Trompete gibt, hat die junge und alte Avantgarde um sich versammelt und von der Grossformation bis zum Duo um sich gruppiert. Er ist aber beileibe nicht der musikalische Guru, das verbietet auch die Eigenständigkeit der Kollegen/Kolleginnen. Das Rohmaterial wird von ihm geliefert, hier und da Akzente gesetzt. Ansonsten ist blindes Verständnis pure Selbstverständlichkeit. Zu entdecken gibt es besinnliche Klangwelten, erfahrbare Kommunikation und rhythmische Abwechslung. Die Suite in der orchestralen Besetzung beweist, wie wichtig mutige Produzenten sind: Obwohl Kenny Wheeler seit mehr als 30 Jahren für Großformationen schreibt, sind ganze 3 Stücke veröffentlicht worden: die beiden anderen, "Windmill Tilter" und "Song for Someone" seit Jahren als LP vergriffen und als CD nicht erschienen. Die jährlichen BBC-Produktionen böten da reiche Betätigungsfelder.
Zum Sound: Wenig Nachhall läßt den Klang unmittelbarer wirken, was den kleinen Formationen und der grossen Besetzung gleichermassen zugute kommt. Das Booklet mit dem Text von Steve Lake beschreibt en detail den Aufbau der einzelnen Teile der Suite.
Eine Fortsetzung, was den subitlen Kammerjazz betrifft, erwarte ich von Kenny Wheeler's neuer ECM-Produktion "Angel song" mit Lee Konitz, Bill Frisell und Dave Holland. Aber das ist ein neues Kapitel.
Kenny Wheeler hat in einem NBC-Fernsehinterview geäussert, er wolle spielen, bis ihm die Zähne aus dem Mund fallen würden. Hoffen wir, dass das noch lange nicht passiert oder er mit einer guten Prothese weiterspielen kann.

alle Besprechungen Dr.Michael Frohne


SCHEIBENGERICHT

Great Black (and White)-Music auf audiophilen LP’s

von Michael Frohne

Inzwischen ist es dank intensiver Nachfrage durch konservative Jazzfans kein Problem, wieder die eine oder andere schwere, teure, aus jungfräulichem Vinyl gefertigte LP zu bestellen, ja manchmal sogar in gut sortierten CD-Shops im Glas-Giftschrank im Sonderangebot für 70 DM stehen zu sehen. Der Vergleich mit den CD’s oder mit älteren billigeren Pressungen bietet sich an. Soweit vorhanden, weise ich in der nachfolgenden Besprechung darauf hin.
Auffallend ist, daß von den Plattenfirmen nicht nur bereits früher produzierte Aufnahmen, die alle analog aufgenommen waren, neu gepresst werden, sondern sogar Neuaufnahmen mit dieser konventionellen Aufnahmetechnik gefertigt werden. So wurden die Vorgaben der kleinen Hi-End-Special-Labels, die dies bis hin zur Direktschnitt-Technik ausgereift haben, teilweise übernommen. Wenn dies jetzt in den großen Studios üblich wird, wohin dann mit der teuren Digital-Technik? Auf den Müll?

P.S. Nicht nur die Mitglieder der „Art Ensemble of Chicago“ wollen die Schublade „Jazz“ geschlossen lassen und ersetzen den missverständlichen, kategorischen Begriff durch „Great black music“. Da sich die ausübenden Formationen aber nicht nur aus Schwarzen (meist sind diese sowieso braun oder beige) zusammensetzen und die Musik nicht nur afro-amerikanischen Ursprungs ist, wird ein neuer Begriff gesucht. Um Vorschläge wird gebeten!


Double Bass 

Niels-Henning Ørsted Pedersen (b) Sam Jones (b) Philip Catherine (g) Billy Higgins dr / Albert „Tootie“ Heath (perc)

Falling in love with love / A notion / Giant steps / I fall in love too easily/ Miss Morgan / Au privave / Yesterdays / Little train

Aufnahme: 15./16.Februar 1976 Copenhagen, DK / Produzent: Nils Winther
Steeplechase SCS 1055 (Limited Audiophile alto-edition  180g / 2000 copies) / (ehemals Steeplechase SCS-1055)

Die audiophilen Pressungen des wichtigsten dänischen Jazzlabels sind schon vor mehreren Jahren erschienen, ja, sie wurden zwischenzeitlich im Discount angeboten, als die Läden ihre Regale nur noch für CD’s konstruierten. Die kleine, aber enorm rührige Firma „Fenn Records“ hat den Vertrieb in Deutschland übernommen und will den Verkauf neu ankurbeln. Wenn dabei so ungewöhnliche Produkte wie „Double Bass“ neue Käufer finden, ist mir nicht Angst um die Firma.
Double Bass kombiniert den Soul-Funk des klassisch geschulten Sam Jones mit dem Drive, der Bodenständigkeit von NHOP, dazwischen quasi eingeklemmt, Philip Catherine. In „Yesterdays“ kann die unterschiedliche Spielauffassung am deutlichsten studiert werden; daß die Spieltechnik anders als zu Zeiten eines Scott LaFaro oder Oscar Pettiford nicht mehr die Grenzen setzt, wird hier klar. Und die Musiker können sich auf das Wichtigste konzentrieren: den musikalischen Ausdruck. Das alte Vehikel aus der Swing-Era wird zum echten Ohr-öffner, wobei beide aber der Form des Standards treu bleiben. Zur Fertigung: Die Abmischung hat es zum Glück vermieden, die Bässe in den Vordergrund zu schieben und nimmt nur eine Kanaltrennung mit der Gitarre in der Mitte vor, die Pressung meiner - second hand gekauften LP - ist vorzüglich; der Vorbesitzer ist sorgfältig mit dem Produkte umgegangen und scheint eine gute Anlage zu haben. Warum hat er diese LP nur verkauft?




Stephane Grappelli - Barney Kessel  Limehouse blues


Stephane Grappelli (violin) Barney Kessel (g) Nini Rosso (g) Michel Gaudry (b) Jean-Louis Viale (dr)

It don’t mean a thing / Out of nowhere / Tea for two / Limehouse blues / Honeysuckle rose / How high the moon / Willow weep for me / Little star / Undecided / I remember Django

Aufnahme: 23./24.Juni 1969 Paris,F / Produzent: Alan Bates und Chris Went
Edition Phönix Eph 10 / (ehemals Black Lion BLP 30129)

Für die Auswahl der 10.Phoenix-LP haben sich die Archivisten durch (bildlich) dicken Staub bis zu einem Highlight des Swing der frühen siebziger Jahre wühlen müssen. Der Katalog von Alan Bates, der gleichermaßen Dexter Gordon, Ben Webster als auch Anthony Braxton LP’s produziert hat, beinhaltet auch diese Reminiszenz an das „Quintette du Hot Club de France“, in dem Barney Kessel Django’s Erbe weiterlebt. Hoffentlich noch lange, seine schwere Krankheit, deren Behandlung ohne finanzielle Hilfe nicht möglich ist, steht dem im Wege. Die Schlußkadenz mit dem Duo von Violine und Gitarre beim Titel „Tea for two“ ist allein das Geld für die Platte wert; und hier erweist sich die Phoenix-Edition der Original-Pressung aus England um Längen überlegen. In einer früheren Besprechung hat ich über die Qualität eines Coverphotos gemäkelt, dazu besteht hier kein Anlaß. Unbedingt zu loben sind die guten Ohren und die angenehme Zurückhaltung am Mischpult von Wilfried Zahn, dem Tontechniker der Neu-Abmischung. Die Fertigung der LP kann man nur mit „Super“ bezeichnen.


Dusko Goykovich  Soul Connection Vol. I

Dusko Goykovich (tp,flh) Jimmy Heath (ts) Tommy Flanagan (p) Eddie Gomez (b) Mickey Rocker (dr)

Soul connection / Ballad for Miles / Blues valse / Inga / I’ll close my eyes

Aufnahme: 28./29.Juni 1993 Brooklyn, NY / Produzent: Matthias Winckelmann
Enja ENJ-804 1 (pure analog limited audiophile edition)

Dusko Goykovich  Soul Connection Vol. II

Dusko Goykovich (tp,flh) Jimmy Heath (ts) Tommy Flanagan (p) Eddie Gomez (b) Mickey Rocker (dr)

NYC / Adriatica / Blues time / Team song

Aufnahme: 28./29.Juni 1993 Brooklyn, NY / Produzent: Matthias Winckelmann
Enja ENJ-8045 1 (pure analog limited audiophile edition)

Lassen Sie sich von der Kennzeichnung „AAA“ auf den Plattencovern nicht täuschen: Es gibt auch DDD-Versionen. Eine telefonische Nachfrage bei der Firma ergab, daß tatsächlich bei der Aufnahme im Studio die Technik doppelt besetzt war. Deshalb die Qual der Wahl: Kaufe ich für 33 DM die CD oder kann ich die ca. 50 DM für die LP flüssig machen? Der Klang auf der LP ist weicher, was dem Trompeter-Sound, vor allem aber dem soften Ton von Jimmy Heath zugute kommt. Und lassen Sie sich nicht vom Titel „NYC“ täuschen, der ein bißchen zu sehr wie Tanzmusik daherkommt. Die Balladen sind es, in denen der Mann aus dem Ex-Jugoslawien glänzt. Das war schon zu Big Band Zeiten bei Clarke-Boland und bei Woody Herman der Fall. Und daß er der Zeug zu einem glänzenden Komponisten hat, beweisen 8 der 9 Titel. Beide Platten sind von einer Aufnahmesession, der Cover-Text ist bei beiden LP’s gleich. Zur Technik: Die Aufnahme ist sehr plastisch und tiefenorientiert, die Fertigung des Vinyls eher unter dem heute möglichen Standard: Knacker sind keine Mangelware, auf beiden meiner LP’s sind sogar echte Kratzer und die Innenhüllen sind aus einfachem Papier (aus Umweltschutzgründen?). Schauen Sie vor dem Kauf also in die Hülle rein.


Elvin Jones  It don’t mean a thing...

Nicholas Payton (tp) Delfeayo Marsalis (tb) Sonny Fortune (fl,ts) Willie Pickens (p) Cecil McBee (b) Elvin Jones (dr) Kevin Mahogany (voc)

A lullaby of Itsugo village / It don’t mean a thing if it ain’t got that swing / Lush life / Zenzo’s spirit / Bopsy / A change is gonna come

Aufnahme: 18./19.Oktober 1993 NYC / Produzent: Matthias Winckelmann
Enja ENJ-8066 1 (pure analog limited audiophile edition)

Auch diese Enja-Produktion wurde sowohl analog als auch digital aufgenommen. Die Mischung - auch in den Konzertauftritten - von Standards, Eigenkompositionen seiner Frau Keiko, die oft Material aus der japanischen traditionellen Volksmusik neu bearbeitet und Titeln, die eng mit John Coltrane verbunden sind, bestimmen den Rahmen, in dem Elvin Jones heute agiert. Technisch ist er solide geblieben, die Feinheiten eines Max Roach, die Vitalität eines Art Blakey und auch nicht die Auslotung von Freiräumen wie Rashid Ali sind nicht sein Stil. Zur Aufnahme: Alle Blasinstrumenten und die Stimme sind durchsichtig (besser: durchhörig, auch wenn es den Ausdruck nicht gibt), der Baß kommt mit viel Druck, die Nostalgie von Produkten wie Blue Note, Riverside und Verve hat der Tontechniker vor der Studiotür gelassen und entstanden ist eine Produktion von 1993, an der sich neue Studios messen lassen müssen. Die Fertigung ist hier deutlich besser als bei den Dusko Goykovic Platten, keine Kratzer und Knacker.


Duke Ellington  Anatomy of a murder

Gerald Wilson (tp) Clark Terry (tp) Harold Baker (tp) Cat Anderson (tp) Ray Nance (tp,violin) Quentin Jackson (tb) Britt Woodman (tb) John Sanders (tb) Jimmy Hamilton (cl,ts) Russell Procope (as,cl) Johnny Hodges (as) Paul Gonsalves (ts) Harry Carney (bs,cl,bcl) Duke Ellington (p) Billy Strayhorn (celeste) Jimmy Woode (b) Jimmy Johnson (dr)

Main title and Anatomy of a murder / Flirtibird / Way early subtone / Hero to zero / Low key lightly / Happy anatomy / Midnight indigo / Almost cried / Sunswept sunday / Grace valse / Happy anatomy / Haupé / Upper and outest

Aufnahme: 29.5./1.6./2.6. 1959 Los Angeles,CA
Mobile Sound Fidelity Lab MFSL 1-214 (special limited edition) / (ehemals Columbia CL-1360 (mono) oder Columbia CS-8166 (stereo) )

Musik, die vom Duke für Filme geschrieben und vom Orchester eingespielt worden ist, kann man auch ohne die Bilder und die Story geniessen. Die ist genauso spannend und da die Tontechnik in den Kinos und vor allem im Heimkino immer noch auf dem Stand von 1959 ist, rechtfertigt sich der Kauf dieser „Original Master Recording“ auf jeden Fall. Mobile Fidelity Sound Lab LP’s werden in Kalifornien gefertigt und in Deutschland von INAK vertrieben. Viele sind inzwischen hochbezahlte und oft gesuchte Sammlerstücke. Die Gelegenheit, den Klang mit der französichen Pressung aus den siebziger Jahren zu vergleichen, die zum Specialpreis von 16,90 DM im Handel war, darf man sich nicht entgehen lassen. Hallig, undifferenziert, die Hörner der Blechbläser klingen bei der Billigware wie Kochtöpfe, aber damals war diese Pressung die einzige, die man kaufen konnte. Teuer sind die Mobile Sounds, ja aber was da rüberkommt! Allein die klangliche Offenbarung des Hauptthemas ist das Geld wert. Und dann erst Johnny Hodges in „Flirtibird“! Insgesamt sehr gute Qualität in Fertigung (ein paar leichte Knacker kann man überhören) und Sound. Die Video-Cassette mit dem Otto Preminger Klassiker beweist, daß in Punkto „Klangmalerei“ der Ellington-Soundtrack den Vergleich mit Miles Davis’ „Fahrstuhl zum Schafott“ nicht scheuen muß. Kleiner Wermutstropfen: Als Ellington-Komplettist hätte ich gern die 2 zusätzlichen unveröffentlichten Titel auf der LP gehört.


Ray Charles - Betty Carter

Ray Charles (voc,p) Betty Carter (voc) Jack Halloran Singers (voc)
Besetzung: Bill Pitman (g) / Edgar Willis (b) Mel Lewis dr,vib) oder Philip Guilbeau (tp) John Hunt (tp) Al Porcino (tp) Ray Triscai (tp) Don Fagerquist (tp) Richard Nash, tb / Hary Betts (tb) Frank Rosolino (tb) Ken Shroyer (tb) Bennie Crawford (as) Dave Newman (ts) Leroy Cooper (bs) Bill Pittman (g) Edgar Willis (b) Mel Lewis (dr) Bruno Carr (perc) Marty Paich arr,cond /

Ev’ry time we say goodbye / You and I / Goodbye - We’ll be together again / People will say we’re in love / Cocktails for two / Side by side / Baby, it’s cold outside / Together / For all we know / Take two to tango / Alone together / Just you, just me

Aufnahme: 13./14.Juni 1961 Hollywood,CA  Produzent: Sid Feller
ABC/DCC Compact Classics LPZ-2005 180+ Pure Virgin Vinyl  Analogue Pressing  / (ehemals ABC-Paramount ABC-385)

Beim Vergleich mit der Dunhill CD-Veröffentlichung muß berücksichtigt werden, daß die Firma Dunhill sicher nicht die Originalbänder von ABC zur Verfügung hatte. Entsprechend sind den Möglichkeiten der Techniker Grenzen gesetzt gewesen. Auffällig ist dies besonders bei den Big Band Einwürfen: Auf der teuren Analog-Pressung knalliger und fetziger Klang der Blechbläser und langes Ausklingen am Ende der Einsätze, so wie man es in Live-Konzerten schätzt, die Titel mit Streicherarrangements von Marty Paich sind Zugeständnisse an den Publikumsgeschmack der 60er Jahre und sind nur durch die ungeheure Modulationsfähigkeit der Stimmen der beiden Gesangssolisten genießbar. Absoluter Höhepunkt und Anspieltip: „Baby it’s cold outside“.
P.S. Auf der CD sind 3 zusätzliche Titel mit Ray Charles von anderen Aufnahmesitzungen, auf die zugunsten der LP wegen der besseren Prägnanz aber verzichtet werden kann.


Al Cohn  Non parail
(Sorry, this is not the cover of the audiophile edition, but of original lp)

Al Cohn (ts) Lou Levy (p) Monty Budwig (b) Jake Hanna (dr)

Take four / Unless it’s you / El cajon / Raincheck / Mr.George / The girl from Ipanema / This is new / Blue hodge
Aufnahme: April 1981 Hollywood, CA  Produzent: Carl E.Jefferson
Concord LELP 119  (limited audiophile edition) / (ehemals Concord CJ-119)

Bei den deutschen Bellaphon-Pressungen der Concord Aufnahmen aus Kalifornien wird das Authentizitäts-Zertifikat gleich mitgeliefert. Dies ist die Nummer 234 der limitierten 180gr schweren LP, gemastert mit half-speed. Außer einem winzigen Grundrauschen in den Pausenrillen - Patina-Nostalgierest - kann man sich ohne Knacken, auch ohne jede statische Aufladungen regelrecht an der Musik berauschen: Feinfühlig nur leicht berührte Hi-Hats, voller Bassklang, in allen Oktaven stimmiges Piano und ein zugleich warmer und fetziger Klang des Leaders. Al Cohn, einer der Four Brothers, setzt - ohne zum Kopisten zu werden - den vibratolosen Lester-Young-Sound ein. 2 eigene Themen, bei denen die Originalität des Komponisten und Arrangeurs deutlich wird, dazu 2 Standards und der Rest Fremdkompositionen bieten eine gelungene Mischung - nicht für die Blaue Stunde, sondern für Genießer der hohen Improvisationskunst.




LA 4  Just friends
(Sorry, this is not the cover of the audiophile lp edition, but CD direct-to-disc)
( a bit strange: either it was a direct-to-disc lp or cd! Or they recorded both at the same time??)

Laurindo Almeida (g) Bud Shank (as) Ray Brown (b) Jeff Hamilton (dr)

Nouveau Bach / Carinhoso / Just friends / Love Medley: Love for sale - Love walked in / Spain

Aufnahme: 1977 oder 1978 Hollywood, CA  Produzent: Carl E.Jefferson
Concord LELP 114  (limited audiophile edition)  / (ehemals Concord CJD-1001)

Die dritte Generation JazzhörerInnen, die mit der Neuauflage von „Just friends“ erreicht werden soll, wird ihre helle Freude haben. Die Normal-LP von 1978 krankte daran, daß die amerikanischen Pressungen, dünn wie Papier, voller Schlieren aus einer Mischung von altem und Zusätzen von neuem Vinyl gefertigt wurden. „Made in Germany“ Fertigungen gab es nicht. Die CD’s wurden 10 Jahre später von Bellaphon sorgfältig produziert und editiert, da war schon der erste Umtausch in der Sammlung fällig. Jetzt der nächste: Will jemand meine CD kaufen?
Hier bei der audiophilen 180g, half-speed-gemasterten Liebhaberauflage stimmt alles: Das Exklusivprodukt mit den Original-Linernotes ist jetzt zum Aufklappen, das Vinyl bringt fast Studioqualität, der Altsax-Klang von Bud Shank, der sich seit einigen Jahren dem schneidenen Sound eines Art Peppers nähert, ist frei von West-Coast-Soft-Feeling, die Rhythmusgruppe setzt alle paar Minuten neue Akzente, wechselt Tempi und Gewichtung, wobei die solistischen Einwürfe von Laurindo Almeida mehr sind als reine Farbtupfer. Die limitierte Auflage ist hoffentlich noch nicht vergriffen, sodaß noch viele GenießerInnen Gelegenheit haben, sich von diesem edlen Teil mitreissen zu lassen.


Great Guitars  Straight tracks
(Sorry, this is not the cover of the audiophile lp edition, but CD direct-to-disc)
( a bit strange: either it was a direct-to-disc lp or cd! Or they recorded both at the same time??)

Charlie Byrd (g) Herb Ellis (g) Barney Kessel (g) Joe Byrd (b) Wayne Phillips (Dr)

I’m putting all my eggs in one basket / Clouds / Gravy waltz / Um abraco no bonfa / Little rock getaway / It might as well be spring / Kingston cutie / Favela

Aufnahme: 1977 oder 1978 Burbank, CA  Produzent: Carl E.Jefferson
Concord LELP 115  (limited audiophile edition) / (ehemals Concord CJD-1002)

Die LP für HörerInnen, die dem Instrument Gitarre nichts abgewinnen können. Auch ich gehöre zu diesen Ignoranten. Um die Konzerte bei den diversen Europatourneen der Gruppen, die unter der Bezeichnung „Great Guitars“ in den Jahren 1981-87 fungierten,  habe ich einen weiten Bogen gemacht. Im Wohnzimmer - muß ich gestehen - kann ich mit dieser Analog-Edition zum Liebhaber und Fan der gezupften, geschlagenen und gestreichelten Darm- und Stahlsaitlinge werden. Zumal die drei das oft übliche techniche Feuerwerk des „Wer ist schneller?“ nicht nötig haben. Kessel und Ellis als ehemalige Big Band und später Peterson-Begleiter sind verantwortlich für den Swing, Charlie Byrd für die latin-amerikanischen Nuancen. Die ausgewogene Mischung aus Standards und Vorlagen von Jobim und Gilberto garantieren hohen Genuß. Es bleibt, die Kaufempfehlung für dieses uralte (17 Jahre und edelste Aufnahmetechnik) auszuschreiben, zumal auch die auf 2000 Exemplare limitierte Bellaphon-Ausgabe von 1993 bald vergriffen sein wird.



Häufig wird an Sammler-“Experten“ die Frage gerichtet, wo neue und alte LP’s aus dem Jazz-Bereich zu finden sind. Die Antwort ist nicht leicht:
Neu-Pressungen, meist audiophile, sind im normalen Fachhandel zu bestellen. Man muß nur hartnäckig genug sein, das Personal - das nach eigener Erfahrung sehr selten fachlich geschult ist und ebenso Schuhe oder Käse verkaufen könnte - davon verständen sie ebensoviel -, mit den Original-Bestellnummern zu löchern. Die Listen mit den Fachhändlern in den Ausgaben von Analag-Aktuell sind eine gute Hilfestellung.
Second-hand LP’s sind schwieriger zu beschaffen. Verweisen kann man auf Anzeigen in den Fachzeitschriften.  Den informativen und selbstlosen Hinweise von Sammlerfreunden/freundinnen sollte man aufmerksam zuhören: Die Einstufungen des Erhaltungszustand von LP’s zwischen „M+ und  E+ bis zu F-“ sind subjektiv vom Verkäufer festgelegt und folgen keinem Standard. Hinfahren und selbst sehen oder besser hören heißt die Devise, dann läßt sich meist auch der Preis ein bißchen drücken.


Jazz auf audiophilen Platten
(dies ist ein Artikel, den ich irgendwann zwischen 1995 und 2000 für das Magazine Analogue geschrieben habe. Lust zu lesen?)

von Michael Frohne („Dr.Jazz“)

Das Thema aus dem Bereich „Jazz“ in dieser Ausgabe ist mit Absicht weit gefaßt: damit sind sowohl Neupressungen auf dickem, jungfräulichem Vinyl, direkt-geschnittene Normalvinyls als auch Aufnahmesitzungen mit ungewöhnlichen Techniken und  Aufzeichnungen gemeint. Darauf wird in der jeweiligen Besprechung hingewiesen.
Die Auswahl ist rein subjektiv, auch die Bewertungen können nicht immer Allgemeingültigkeit haben: Zu unterschiedlich sind der Zustand der meist historischen Platten; die Abspielgeräte, Wohnlandschaften auch die geistige und körperliche Verfassung des/der Hörenden spielt eine wichtige Rolle bei der Beurteilung.
Zur Herkunft der Platten: Alle sind aus meiner Privatsammlung, einiges wurde in den letzten 20 Jahren bei Auktionen second-hand gekauft, anderes ist absolut neu und kann ohne Probleme heute von den Leserinnen und Hörern gekauft werden.


Walt Dickerson  Shades of love

Steeplechase Direct Cutting SCD-17002

Walt Dickerson vibraphon
Infinite love / Love is you / Interim love
rec. 6.11.1977 Medio Sound Studios, NYC
Aufnahme: Michael Barbiero

Das Direktschnitt-Aufnahme-Verfahren ist für die Jazzmusiker eigentlich der Normalfall - zumindest was das Einspielen eines einzigen Titels betrifft und dies nicht nur bei Live-Mitschnitten in Clubs und Konzerten, sondern auch im Studio. Die Aufnahmetechnik und das Reproduktionsverfahren sind bei Direktschnittverfahren grundsätzlich verschieden, kann aber an anderer Stelle von Technikern besser beschrieben werden.
Der Produzent Nils Winther der dänische Firma Steeplechase hat 3 Platten in dieser Technik veröffentlicht, notwendigerweise streng limitiert, weil ja nicht unbegrenzt viele Platten von der direktbespielten und geschnittenen Mutter-matrize hergestellt werden können. Die technische Meisterleistung das schwierige Solo-instrument Vibraphon adäquat ohne Verzerrungen aufzunehmen, ist hier beispielhaft. Jedes Vibrato, jede Dämpfung ist nachvollziehbar, ja manchmal ist das Treten des Dämpferpetals direkt störend! Etwas zuviel Grundrauschen trübt den Genuß, ist aber nur bei Einzeltönen vernehmbar. Für den Repertoirewert würde ich 4 Sterne vergeben, auch weil die sonst allgegenwärtigen Lionel Hampton oder Milt Jackson-Floskeln vermieden werden. Entdeckenswert!


Buddy Rich  The wailing


Verve MG N-1078

The monster / Sunday
Thad Jones, Joe Newman tp / Ben Webster, Frank Wess ts / Oscar Peterson p / Freddie Green g / Ray Brown b / Buddy Rich dr

Sonny and sweets / Smooth one / Broadway / The two mothers
Harry Edison tp / Sonny Criss as / Jimmy Rowles p /  John Simmons b / Buddy Rich dr
rec. 16.5.1955 NYC / 10.11.1955 Los Angeles,CA
Aufnahme ? / Produzent  Norman Granz

Der Großkonzern Polygram mit seinem japanischen Ableger hat 180gr Vinyl Platten veröffentlicht. Leider wurde nicht chronologisch richtig zusammengestellt, sondern nach Verkaufsgesichtspunkten. In Mono mit vollem Druck aus beiden Rillen kommen diese mittelgroßen Buddy Rich Besetzungen daher. Von antiquarischem Knistern keine Spur, reines Hörvergnügen ist angesagt; man merkt, hier, kurz vor der allgemeinen Einführung der Stereophonie hatten die Techniker den Monosound bis zur Vollendung ausgereizt. Auch musikalisch ist die Platte ein Genuß, dafür bürgen bei beiden Sessions Ben Webster, Harry Sweets Edison und Sonny Criss, die durch die Bassisten und den hier ohne Starallüren agierenden Buddy Rich zu Höchstleistungen angetrieben werden. Allerhöchste Bewertung für Repertoire (Für Puristen: die LP ist ein Zusammenschnitt aus Norgran MG N-1031 und Norgran MG N-1052) und Technik, nur der Preis, der Preis.....tut weh!


Teddy Wilson  Stomping at the Savoy

Edition Phönix EPH 08 (ehemals Black Lion/Intercord)

Teddy Wilson p / Peter Chapman b / Johnny Richardson dr / added Dave Shepherd cl / Ronnie Gleaves vib
Stomping at the Savoy / I can’t get started / Sometimes I’m happy / Body and soul / I’ll never be the same / Easy living / Green Dolphin Street / Honeysuckle rose
rec. 18.Juni 1967 Chappell Studios, London
Aufnahme: John Timperley / remastered Wilfried Zahn

AAA-Ton-“Meister“ Wilfried Zahn bewies eine gute Hand bei dieser Neuabmischung und -pressung des Meisters des Swing-Pianos. Das Piano wurde in den Londoner Studios unter dem Black Lion Produzenten Alan Bates nicht sonderlich prägnant, eher etwas gedämpft aufgenommen. Wilfried Zahn widerstand der Versuchung, manipulativ einzugreifen. So bleibt das Klangbild dem Jahr 1967 entsprechend: wenig luftig und tief, dafür aber kommunikativ und flächig.
Die Phönix-Ausgabe (Ein Kritikpunkt : Das Cover ist leider etwas verwaschen und kontrastarm in der Reproduktion) ist eher für Hi-Fi-Freaks als für Jazz-Fans, die ja sowieso angeblich alles haben, interessant. Es sei denn, die alte Platte hat Kratzer oder Knacker, dann sollte man schnell zugreifen! Die alte Intercord/Black Lion Ausgabe meiner Sammlung steht übrigens dieser neuen Auflage technisch nicht viel nach: die Pressung ist auch sauber, nur das Vibraphon scheppert manchmal etwas. Der Repertoire-Wert beider Ausgaben ist weniger hoch anzusetzen, weil weder die englische Rhythmusgruppe noch die 2 anderen Solisten an die Benny Goodman Formationen anknüpfen  können. Für Discophile noch ein kleines Zusatz: Es wurden an diesem Tag so viele Titel eingespielt, daß 3 Platten veröffentlicht werden konnten - zwei auf Black Lion und eine auf Polydor.

Harry James  Comin’ from a good place

Sheffield Lab LAB-6

The footstomper / You’ll never know / Motenswing / Two o’clock jump / Watch what happens / Tuxedo junction / Opus number one / Make the world go away / Blues for sale
Harry James, Nick Buono, Gino Bozzacco, William Hicks, Robert Berrenson tp / Tom Padveen, Chuck Anderson tb / Houghton Peterson b-tb / Quin Davis, Pat Longo, Mel Kunkle, Bob Lawson, Norman Smith sax / Tommy Todd p / Dave Stone b / Les DeMerle dr
rec. 29/30.7.1976 Hollywood,CA
Aufnahme: Ron Hitchcock / Produzent Lincoln Mayorga & Doug Sax

Die Platten aus den Sheffield Labororatorien in Los Angeles zeichnen sich dadurch aus, daß Direktschnitt, ohne Begrenzer, ohne technische Kosmetika mit sorgfältiger Fertigungsprüfung angesagt ist. Mit Garantie! Neben Klassikplatten wurden auch 2 Harry James Big Band LP’s produziert. Zur Technik: Die Blechbläser haben Vorteile, ihre Power kommt am besten rüber, die meist unisono agierenden Holzbläser haben da hörbare Schwierigkeiten, die Rhythmusgruppe ist etwas schwammig, die Position des Klaviers ist aber nachvollziehbar hinten links. Vielleicht liegt es aber auch an der unterschiedlichen musikalischen Potenz: Logisch, daß der Sweet-Trompeter Harry James im hohen Alter ein bißchen Unterstützung nötig hat. Die Stücke der LP sind eine gute Mischung aus Hits und neuen Arrangements. Bewertung: technisch 3 (wegen fehlender Luftigkeit dieser Studioaufnahme) musikalisch 2 weil doch einiges zuviel Süsses serviert wird.

Red Norvo Quintet  The forward look

Reference Recordings RR-8

Rhee waahnee / The forward look / Between the devil and the deep blue sea / Room 608 / For Lena and Lennie / Cookin’ at the Continental
Red Norvo vib / Jimmy Wyble g / Red Wooten b / John Markham dr / added Jerry Dodgion reeds
rec. 31.12.1957  at Prof. Johnson’s, Stanford,CA
Aufnahme: Keith Johnson / Produzent: J.Tamblyn Henderson

23 Jahre hatten diese Aufnahmen als tape vergessen in einer Box auf ihre Veröffentlichung warten müssen. Mit einfachster 3-Kanal-Technik live aufgenommen , aber mit Röhrenverstärkern, Equalizern und bereits mit Ozillographen-Feldstärke-Anzeigern abgemischt, sind sie allererste Sahne. Auch heute noch! Ohne nostalgisch zu werden: wie wenig hat sich doch in den letzten 30 Jahren in der Aufnahmetechnik verbessert! Klare Abgrenzung, definierte Standorte sorgen für nachvollziehbare Stimmen, der Gruppensound ist übersichtlich, die Pressung sehr sauber. Man möchte rausschreien: so wird’s gemacht!!! 5 Sterne für Technik und Musik.
P.S. Es gibt einen Sampler mit einem weiteren Titel dieser Session plus Hörbeispielen anderer Reference Aufnahmen.


Shorty Rogers  The Fourth Dimension in Sound

Warner Brothers BS1443
One o’clock jump / Speak low / Tonight / Lover / Marie / Kook-a-ra-cha waltz / You’re just in love / I’m gettin’ sentimental over you / Stompin’ at the Savoy / Baubles, bangles and beads / Taboo

Shorty Rogers tp,flh / Ken Shroyer tb or George Roberts tb /Bill Hood, Paul horn, Bud Shank, Buddy Collette reeds / Emil Richards vib / Pete Jolly p / Red Mitchell b or Joe Mondragon b / Shelly Manne dr
rec. November 1961 Los Angeles,CA
Aufnahme: ?

Neue Perspektiven, was die Aufzeichnung des Stereosounds angeht, hatte seinerzeit die Firma Warner Brothers aufgezeigt. Man strebte die absolute Trennung aller Instrumente an und gab folgerichtig jedem ein eigenes und spezielles Mikrophon. Dazu noch ein eigenes Tonbandgerät für jeden Kanal! Die Techniker konnte dann abmischen, wie sie wollten: Lautstärke und Standorte konnten frei gewählt werden, selbst Höhen und Tiefen einzelner Instrumente konnten auf die Kanäle verteilt werden. Begrenzer- oder Kompressions-Verstärker wurden nicht benutzt. So sind die leider wenigen „Stereo Workshop-LP’s“ ein Hörgenuß ersten Ranges. Etwas weniger Manipulation am Echogerät hätte ich mir schon gewünscht, aber die Sitzposition der Musiker im Studio bleibt so nachvollziehbar. Auch musikalisch können die 11 Titel einen gelungenen Mix darstellen: Klassiker wie Dorsey’s „ Marie“ oder Basie’s „One o’clock jump“ in neuen Westcoast-Arrangements zu hören, macht Spaß. Deshalb: 4 Sterne für Technik und Musik.

Pete Rugolo Ten Trumpets and 2 Guitars

Mercury PPS 2016

Carnival of Venice / Hot lips /Cherry pink and apple blossom white / Struttin’ with some barbecue / Strumpets at large / Guitarsville / Ciribiribin / Sugar blues / Whispering / Echoes of Harlem / Ten trumpets have I / Two guitars

Frank Beach, Conte Candoli, Pete Candoli, Mannie Klein, Cappy Lewis, Ollie Mitchell, Uan Rasey, Joe Triscari, Bud Brisbois, Don Fagerquist, Ray Triscarit tp,flh / Howard Roberts, Al Viola g / Alvin Stoller, Shelly Manne or Larry Bunker perc / Pete Rugolo arr cond
rec. ca. 1960, Los Angeles,CA
Aufnahme: Bones Howe / Produzent: David Carroll

Der Stan Kenton-Arrangeur Pete Rugolo war ein Meister ungewöhnlicher Klangkombinationen: 10 Saxophone und 2 Bässe oder wie hier 10 Trompeten mit 2 Gitarren, damit entstanden neue Klangbilder alter Swinghits. Aufgenommen, gemischt und verkauft wurden die Platten von Mercury gleichzeitig in Mono-und Stereo-Fassungen. Ungewöhnlich das Bandmaterial: Magnetfilm bot die Chance, hohe Frequenzen verzerrungsfrei aufzunehmen. Hohe Transparenz und ein runder Ton waren oft das Ergebnis. Das ist auch hier bei dieser LP aus dem Raritätenschrank der Fall, wenn auch manchmal zu sehr höhenbetont: die CD-Hörer werden ihr Klangbild wiedererkennen. In den Klappcovern wurde detailliert die Aufnahmetechnik beschrieben und gezeichnet und zudem die Vorteile das Magnetfilms (Banddicke, Kanaltrennung, Geschwindigkeit) gepriesen. Musikalisch gehört die Aufnahmen in die Tanzmusikecke, aus technischer Sicht sollte eine Platte in der Sammlung eines jeden Hi-Fi-Freaks stehen. Die zu vergebenen Sterne schimmern etwas schwach: 2 für die Musik und 3 für die Technik.

Louis Armstrong  The Complete Decca Studio Recordings of  Louis Armstrong and the All Stars

Mosaic MQ8-146

81 Titel mit Louis Armstrong tp,voc / Jack Teagarden tb,voc / Barney Bigard cl oder Edmond Hall cl / Earl Hines p / Arvell Shaw b / Cozy Cole dr / Velma Middleton voc + einigen Gästen bei manchen Titeln
rec. zwischen 1950 - 1958
Aufnahme: ? / Produzent Milt Gabler / Re-issue Michael Cuscuna + Charlie Lourie

Auf 8 LP’s sind die gesamten All Stars-Studio Sessions für Decca neu zusammengestellt worden - inklusive der Singles und unveröffentlichten Titel. Ein Booklet mit ausführlicher Beschreibung der Sessions und seltene Fotos machen die Mosaic-Box zu einem Leckerbissen. Die Ohren können an diesem Festessen teilhaben: Sind doch die Aufnahmen vorbildlich abgemischt worden und auch die für damalige Verhältnisse hohe Bandgeschwindigkeit von 38 cm/s bot hervorragendes Ausgangsmaterial. Die manchmal etwas „gestyled“ wirkenden Überleitungen aus der LP Box „Musical Autobiography“ wurden ausgelassen und so bieten diese neuen 180gr Vinyls, die auch noch limitiert sind, alles andere als eine Geldanlage ($104).
Bezug nur über Postversand:  Mosaic 35 Melrose Place  Stamford, CT 06902-9733 USA

Weiterhin wird der Jazz-Info-Dienst zu Fragen nach LP’s, Titeln, Musikern oder Daten angeboten.



1982 war ich zum ersten und bis heute einzigen Mal in New York. Die grosse Demonstration mit mehr als 1 Millionen Menschen war der Anlass. In der folgenden Woche konnte ich mit Lee Konitz einige Konzerte sehen, war in ein paar Jazzschuppen in Stuyvesant Town, übernachtete in der Wohnung des Schlagzeugers Doug Hammond und machte für das Jazzpodium und für Radio Dreyeckland das nachfolgende Interview bei 

Radio WKCR In New York
66 Stunden Jazz wöchentlich

Unter den vielen Radiostationen in den USA und in New York hat WKCR auf 89.9 UKW sicher eine Sonderstellung. Neben Berichten über Rentenkontrollen in den USA, Atommülltransporten und die Ab­hängigkeit von den mexikanischen Öl­transporten nimmt der Jazz und die mo­derne Avantgarde-Musik einen großen Teil des ,,non-commercial"-Programms ein. Daß die Radiostation ein Teil der
Columbia-Universität ist, gibt ihr die Möglich­keit, über ihr Programm frei zu entschei­den, frei von Parteienproporz oder staatli­cher Einflußnahme.
Cliff Preiss ist einer der 30 Mitarbeiter der Jazzabteilung; er berichtet im nachfolgenden  Interview mit Michael Frohne über die Schwierigkeiten der Sta­tion und über die Unterschiede zu ande­ren, kommerziellen Radios in den USA und staatlichen Radios (öffentlich-recht­lich genannt) bei uns:
,,Zu den 66 Stunden, die uns wöchentlich für das Jazzprogramm zur Verfügung ste­hen, spielen wir zu besonderen Gelegen­heiten, wie z. B. Geburtstagen von be­rühmten Jazzmusikern, sogenannte Mini-Festivals. Von 5 Uhr morgens senden wir ein mehrstündiges Programm mit der Mu­sik eines Musikers. Im Juni war das letzte mit 16 Stunden ununterbrochenem Jim­mie Lunceford Big Band Jazz."
,,Sind das die bekannten Festivals?"
,,Was uns so beliebt gemacht hat, das sind jene Festivalprogramme, bei denen das Gesamtwerk eines Musikers in chro­nologischer Reihenfolge präsentiert wird. Dazu kommen Interviews mit den Musi­kern. Das längste Festival, das wir je hat­ten, war das über Louis Armstrong. Es dauerte 250 Stunden, ca. 11 Tage, wobei es neben dem normalen Programm an jedem Tag ausschließlich Armstrong-Mu­sik mit Interviews gab."
,,Werden auch Musiker vom Sender zu Interviews eingeladen?"
,,Ja. Ich habe das Steve Lacy-Festival gemacht; 96 Stunden nur Lacy mit Inter­views mit Steve, Roswell Rudd, Charhe Rouse. Neben den Schallplatten haben wir auch Privataufnahmen von Mal Wal­dron gespielt, Duo-Aufnahmen mit Lacy. Außerdem haben wir das Konzert, das bei den Vereinten Nationen als Teil des Anti-Apartheid-Programms stattfand, ausge­strahlt. Jeden Montagabend zwischen 6 und 9 Uhr senden wir Live-Sessions aus verschiedenen Clubs in New York. Wir haben Verträge mit diesen Clubs, um bei ihnen aufnehmen zu können. Und was wir noch machen, und was meiner Meinung nach keine andere Station regelmäßig macht: Jeden Mittwoch kommt ein berühmter Musiker ins Studio und stellt sein eigenes Programm zusammen. Er sucht sich Platten aus unserem Archiv aus und kommentiert diese. In der letzten Woche war George Russell hier und hat Musik von Miles Davis, Strawinsky, Debussy und Marvin Gaye vorgestellt."
,,Verdienen die Leute, die hier arbeiten, Geld?"
,,Alle, die hier arbeiten, sind Studenten der Universität oder waren Studenten und verdienen kein Geld! Lediglich in der Sommerferien, wenn die anderen Studen­ten Ferien haben, wird ein Gehalt für der verkleinerten Stab gezahlt."
,,Woher kommt dann das Geld für den Betrieb der Station und für das Material, die Bänder, die Ausrüstung?"
,,Dies ist die Radiostation der Universität und wir bekommen daher etwas Geld; lei­der seit 10 Jahren den gleichen Betrag, obwohl der Dollar 1972 und 1982 zwei Paar Stiefel sind! Neben erhöhten Repa­raturkosten, Neuanschaffungen und ge­stiegener Inflationsrate macht uns der Sender Schwierigkeiten. Bisher war es nicht nötig, die Hörer um Geld anzubet­teln, und mit der Drohung, nicht mehr zu senden, zu argumentieren. Aber wir ha­ben große technische Probleme. Diese werden wir mit dem Fundus ,Technical Difficulties' im August zu lösen versuchen. Wir verkaufen die Programmvorankündi­gungen der Station, Discographien der Musiker und T-Shirts. Hörer werden auf­gefordert, Geld für die Ausrüstung zu spenden; daher stammt auch ein großer Echte Alternative zum kommerziellen Radio.
Teil der Geräte, die du hier siehst, die jetzt aber zum Teil 12 oder 15 Jahre alt sind. Eines unserer Probleme ist, daß wir nur Mono senden können; eine Umrüstung auf Stereo würde zu viel Geld ver­schlingen."
,,Können Sie einiges über das übrige Pro­gramm berichten, das Sie machen?"
,,Wir denken, daß wir eine echte Alternati­ve zum kommerziellen Radio bilden, so­wohl im Jazz als auch in der Klassik oder auch mit der Ausstrahlung von ethnischer Musik aus allen Volksgruppen, die hier in New York beheimatet sind. Wir senden indische Musik, jeden Samstag 2 Stunden ein Programm mit dem Titel ,Sounds of China' und ca. 16 Stunden Musik und Neuigkeiten aus Mexico, Haiti, Süd- und Mittelamerika. Wir möchten auch diese Länder kulturell repräsentieren, anders als andere Stationen."
,,Gilt WKCR als eine Art Sprungbrett für die Ansager oder die Techniker zu den kommerziellen Radios?"
,,Nein, obwohl es einige Leute gibt, die nach ihrer Studentenzeit und der unbe­zahlten Arbeit bei uns den Sprung in die großen Radiostationen geschafft haben."
,,Seit wann gibt es WKCR, und hatten Sie am Anfang ungefähr das gleiche Programm oder haben sich da grundlegende Dinge geändert?"
,,Das Jazzprogramm ist jetzt der größte Programmteil, obwohl das im Gründungs­jahr 1949 nicht so war. Wir waren die erste Universitätsradiostation und haben fast ausschließlich über schulische Vorkomm­nisse berichtet - neben etwas Klassik und leichter Unterhaltungsmusik. Ende der 60er Jahre, in der Zeit der Studentenunru­hen, war die Station einer der lnforma­tionspunkte für die Studenten und die wollten keine seichten Unterhaltungs­Schu-bi-du-Schnulzen mehr hören, son­dern John Coltrane und Eric Dolphy. Und was die Schallplatten-Situation betrifft:
Können Sie sich vorstellen, daß es damals genau zwei Charlie Parker-Scheiben zu kaufen gab? Da war es geradezu revolu­tionär, daß wir ein Charlie Parker Festival zusammenbrachten! Es machte uns welt-bekannt! Möglich war das nur mit den Mega-Kollektionen von einigen Sammlem und unseren guten Verbindungen zu die­sen Leuten, die manchmal ihre Schellacks selbst ins Studio brachten und uns mit Argusaugen  beim  Abspielen  über­wachten!"
,,Wie sieht das Programm der öffentlichen Rundfunkstationen aus?"
,,Diese sind abhängig vom Geld, das ih­nen der Staat zur Verfügung stellt, und da bleibt aus dem sogenannten ,Arts Fund' immer weniger Geld für den Jazz übrig. Auch eine Folge des Regierungswech­sels. Es scheint wichtiger zu sein, über das britische Drama zu berichten und Opernaufnahmen von europäischen Sän­gern zu bringen, als auf die einzige eigen­ständige Musik einzugehen, die Amerika je hervorgebracht hat. Sämtliche öffentli­chen Stationen haben sich geweigert, hier in New York ein Konzert vom Art Ensem­ble of Chicago auszustrahlen, obwohl es vom National Public Radio (NPR) veran­staltet worden war. Wir haben das natür­lich gerne gesendet."
,,Werden in Ihrer Station auch der euro­päische Jazz und die Avantgarde berück­sichtigt?"
,,Wir haben ein eigenes Programm am Freitag von 6 bis 9 Uhr abends, in dem Donald Miller europäische lmprovisations­musik von Peter Brötzmann über Stockhausen zu Derek Bailey und seiner Com­pany vorstellt und kommentiert. WKCR hat außerdem die Koproduktion des er­sten Company- Konzerts in den USA über­nommen. Auch das Lacy-Festival war ei­ne gute Gelegenheit, europäische Forma­tionen wie das Globe Unity Orchestra ken­nenzulernen. So wird dieses Spektrum gut abgedeckt. Leider sind Platten von Kagel, Stockhausen sowie die Acoustic-Serie der Deutschen Grammophon oder Wergo­Platten in den Schallplattenläden der USA sehr schwer oder gar nicht zu bekommen. Wir sind auf die Firmen in Europa ange­wiesen und möchten deshalb einen drin­genden Appell an alle Avantgarde-Labels und Eigenlabels richten, uns ihre Platten zuzuschicken.  Unsere  Adresse  ist:
WKCR, Columbia Universitv, 208 Ferris Both Hall NY, NY 10027."  

Michael Frohne
Vor einigen Jahren habe ich mal eine Kritik von In & out Veröffentlichungen auf LP geschrieben. Für welche Zeitschrift weiss ich nicht mehr - Analogue Forum ???. 
Vielleicht möchte doch jemand das lesen??

Buster Williams:  Something more

In & Out Records IOR 7004-1

Shunzo Ohno tp / Wayne Shorter ts,ss / Herbie Hancock p,keyboards / Buster Williams b / Al Foster dr

Air dancing / Christina / Fortune dance / Something more / Decepticon / Sophisticated lady / CD only: I didn't know what time it was (14:28)

rec. Van Gelder Studio, NJ  8.+9.3.1989
Time: 44:07
prod. Buster Williams

Bisher kannte ich Buster Williams lediglich als soliden, kompetenten Bassisten, der sich von den Zwängen des reinen Taktgebens befreit hat und unzähligen Formationen insgeheim seinen Stempel aufgedrückt hat. (Sie werden erstaunt sein, bei wie vielen LP's Ihrer Sammlung der Bassist Buster Williams heißt!) Hier beweist er, daß er daneben auch ein eigenständiger Komponist ist. Kennzeichnend dafür ist auch die Zurückhaltung von Wayne Shorter - selbst ein Viel-Schreiber und von Herbie Hancock. Die Titel geben Zeit, sich in die Kompositionen zu vertiefen, sind nie langweilig, keiner der Solisten spielt sich egozentrisch in den Vordergrund. Zuhören wollen und können alle Beteiligten, sollten auch die Hörer. Wer's nicht mehr kann im Zeitalter von Clips und Chips, hat die Chance es wieder zu lernen. Sie bzw. er muß nur "Something more"auflegen.
Über das Studio und die Qualität des früheren Optikers Rudy van Gelder ist genug geschrieben worden. Excellent, warm und weich sind die Attribute, auch der Klangteppich des Keyboards bereitet keinerlei Probleme. Die Substantive Druck und Durchsichtigkeit beschreiben das Klangbild meiner Ansicht nach am besten. Herzlichen Glückwunsch zur Produktion und "Etwas Mehr" bitte!

Roots: Saying Something

In & Out Records IOR 77031-1

Arthur Blythe as / Nathan Davis ts,ss / Chico Freeman ts,ss / Benny Golson ts / Kirk Lightsey p / Buster Williams b / Ed Thigpen dr

Lester left town / Samba for now / Night dreamer / Ballads for Trane: It’s easy to remember - Soul eyes - You leave me breathless - In a sentimental mood - How deep is the ocean / Heaven dance / Toku-du / Lester leaps in / LP only: Free again (9:00)

rec. Live at Muddy’s Club, Weinheim, D 14.6.1995
Time:  76 min
prod. Mike Hennessey

Dies ist eine weitere Veröffentlichung der Gruppe Roots, die den großen Saxophonisten des Jazz gewidmet ist. (auch die andere erschien unter dem Titel "Stablemates" bei In & Out). Es wäre sicher verführerisch gewesen, die bekannten Stücke Note für Note nachzuspielen. Dieser Gefahr nähern sich alle Tenöre in keinem der Titel. Jedesmal werde neue "Stories" erzählt. Der musikalische und soziale Background der Beteiligten ist ja auch nicht nur später, sondern auch anders angesiedelt. Die Live-Aufnahme offenbart die elektrisierende Stimmung, die zwischen den Musikern und dem Publikum in dem kleinen Club in Weinheim geherrscht hat. Alle Themen wurden bereits in anderen Formationen in den letzten 60 Jahren aufgenommen; hier gewinnen sie durch das Pfeffer und die Eleganz in den Improvisationen - und natürlich auch die unwöhnliche Klangkombination mit 4 Saxophonen. Keiner hat Zeit zur Ausruhen, alle verlangen sich das Höchste ab und heraus kam eine kraftvolle, bodenständige (Roots!) aber nie plagiatenhafte Platte. Es liegt nahe, John Coltrane, Benny Golson, Charlie Rouse, George Adams und Wayne Shorter die Referenz zu erweisen. Welchen Saxophonisten wird bei der nächsten Produktion gehuldigt?


Woody Shaw:  In your own sweet way

In & Out Records IOR 7003-1

Woody Shaw tp,flh / Fred Henke p / Neil Swainson b / Alex Deutsch dr

The organ grinder / In your own sweet way / The dragon / Just a ballad for Woody / Sippin’ at bells / Estate / CD only: Joshua C. (13:32)

rec. Live at Bazillus, Zürich,CH 7.2.1987 und Mühle Hunzigen, Rubigen, Bern,CH  8.2.1987
Time: 49:04
prod. Frank Kleinschmidt

Eine Frage kann nie bis heute - fast 10 Jahre nach seinem tragischen Tod - niemand beantworten: 1970 mit 25 Jahren zum größten Trompeter-Talent von den Kritikern im Down Beat gekürt, mehr als 20 Jahre aktiv in allen Clubs und Festivals der Welt, mitgewirkt bei mehr als 100 LP's und immer noch ein "Musicans' Musican? Ein paar mediengerechte Assessoires haben gefehlt: Wenn er vielleicht besser gleichzeitig ein Schuh- oder Modefetischist gewesen wäre, wie ein anderer erfolgreicherer Trompeter? Diese LP - live im wiedereröffneten Bazillus mitgeschnitten - ist nicht die erste, meiner Ansicht nach aber die beste - die beweist, daß Inspiration und Einfallreichtum gepaart mit einer Supertechnik eben doch allein nicht ausreicht, um dem breiten Jazzpublikum den Griff in die Geldbörse zu erleichtern. Liest man auf der Coverrückseite die begeisterten Kritiken der Musiker von Miles bis Dizzy und hört dazu die gelungene Mischung aus Standards und Eigenkompositionen, wird der Verlust, den die Jazzgemeinde mit dem Tod von Woody Shaw erlitten hat, erst richtig bewußt. Leider war er eben keine "voice of the future", wie Dizzy enthusiastisch ausgerufen hat. Von den Titeln und den Musikern möchte ich bewußt keinen herausheben. Alles ist geschlossen aus einem Guss; dazu paßt auch die Superpressung der LP. Die CD liefert einen weiteren Titel, eine weitere "story", von denen Woody Shaw in jedem Konzert ein ganzes Dutzend abgeliefert hat. Von welchem anderen Trompeter kann man das sonst noch sagen?


Karl Berger:  Conversations

In & out Records IOR 77027-1

Karl Berger p,vib + Carlos Ward as,fl / Dave Holland b / Mark Feldman violin / Ray Anderson tb / Ingrd Sertso voc / James Blood Ulmer g

At last / Presently / Loverman / Bemsha swing / Why is it that it’s not / North / Out there alone / St.Thoms / Still / Another / South / Freedom - Getting there

rec. Tedesco Studio, NJ  11.-14.3.1994
Time: 71:02  Do-LP
prod. Karl Berger & Frank Kleinschmidt

"Konversation" ist meiner Ansicht nach zuwenig gesagt. "Kommunikation" und zwar nicht digital und ohne neue Medien ist bei diesem Doppelalbum die Parole. Karl(-Hanns) Berger, einer der wenigen deutschen Musiker, der in der US-Scene Fuß fassen konnte, ist zurückgekehrt und hat sich fulminant zu Wort, besser gesagt zum Ton (Klavier oder Vibraphon) gemeldet. Das Woodstock Workshop Orchester mit seinen Weltmusik Anklängen und türkischen vertrackten Rhythmen bei seiner Europatournee 1979 kennzeichnete den einen Pol seiner musikalischen Vielfalt, diese Duo-Begegnungen sind für mich mindestens genauso aussagekräftig. Er hat sich ja auch mit Partnern/Partnerinnen umgeben, die den Kompositions- und Rhythmusideen nicht blind folgen, sondern Gegenstimmen, andere Pointierungen entwickeln. Dies fällt besonders bei den Eigenkompositionen ins Gewicht, worauf Karl Berger in allen Plattenproduktionen (nach meiner Schätzung etwa 50 an der Zahl) immer mehr Wert gelegt hat als auf das Wiederkauen von Standards. Seine eigenen Worte: "Das großartige an Duetten ist, wenn man 3 oder 4 mal richtig zuhört, stellt man fest, was innerhalb der Musik passiert" belegen, wie wichtig ihm diese kommunikative Kleinformation ist, wieviel sie aber auch vom Hörer abverlangt. Muzak-Musik ist das sicher nicht, eher eine willkommene Abwechslung im Hard-Bop-Einheitsbrei der 90-iger Jahre. Der Firma In & out Records sollte man durch den Kauf dieser sehr feinfühlig aufgenommenen Musik Mut für weitere ähnliche Produktionen machen. Und hoffentlich werden diese auch in Zukunft auf so sauberem Vinyl veröffentlicht.


Art Blakey’s Jazz Messengers:  The Art of Jazz

In & Out Records IOR 77028-1

Art Blakey dr + Terrence Blanchard tp / Freddie Hubbard tp / Brian Lynch tp / Frank Lacy tb / Curtis Fuller tb / Donald Harrison as / Jackie McLean as / Javon Jackson ts / Benny Golson ts / Wayne Shorter ts / Geoff Keezer p / Walter Davis jr. p / Buster Williams b / Roy Haynes dr / Michele Hendricks voc

Two of a kind / Moanin’ / Along came Betty / Lester left town / Mr.Blakey / Drum duo / Blues march / Buhaina’s valediction / Interview

rec. Leverkusen, D 9.10.1989
Time: 60:38 + Interview 12:49
prod. Mike Hennessey

Ein echtes "Work of love" für Missus Blakey only bambini "Arturo" aus Pennsylvania. Eine Geburtstagfeier, bei der der Gefeierte mitarbeiten muß? Oder ist das etwa keine Arbeit gewesen, was der immer gut gelaunte uns in den letzten 50 Jahren in die Ohren getrommelt hat? Ich werde für den Rest meines Lebens nie vergessen, wie selbstverständlich er mir ein Plattencover mit seiner Unterschrift vergoldet hat, dabei auf seinem Bett sitzend seinen Sohn streichelte, darauf wartend, daß endlich der Frank Kleinschmidt, zu der Zeit noch im Tourmanagement aktiv, die drums anbringe, daß er loslegen könne! (Wieviel goldene Schallplatten hätte er wohl verdient, wenn man die Tausende von Schlagzeuger im Pop, Soul und Jazz zählen würde, die ohne ihn Paiste mit einer Pasta, high-hats mit Zylindern verwechseln und eine Cymbal für eine türkischen Messingpfanne halten würden?)
Dank In & Out und dem Kritiker und Produzenten Mike Hennesey kann man in alle Ewigkeit die Geburtstagsfeier beim Leverkusener Festival nacherleben. Bereichert noch um ein Interview. Die Zahl der gratulierenden Musiker hätte eigentlich so groß sein müssen wie die Zahl der ZuhörerInnen, soviele Jazzmessengers gab es zwischen 1953 und 1989. 99% von ihnen haben erfolgreich Karriere gemacht - welcher andere Bandleader kann das von sich sagen? "Hard-bop" bedeutete bei Blakey auch immer "Hard-school".
Das umfangreiche Booklet mit dem gekonnt formulierten Text von Mike Hennessey sollte man in einer ruhigen Stunde genießen, damit die Musik keine Ablenkung erfährt. Ein teures, ein wertvolles Tondokument, dem zu wünschen ist, daß es in viele Privat-Sammlungen und öffentliche Bibliotheken Einlaß findet.


Lucas Heidepriem  Voicings

In & Out Records 7011-1

Lucas Heidepriem tb / Uli Möck p,keyboards / Karo Höfler b / Martin Hug dr

Giovanni / When elephants fall in love / Never did it / Voicings / Stella by starlight / Jazz oder später / For Albert

rec. Carlren Studios, Freiburg,D  1991
Time: 48:44
prod. Frank Kleinschmidt

Dass die Firma IN & Out die "Regio Dreyeckland" nicht vergessen hat, beweist die LP mit einem der 3 Musiker-Söhne des Pianisten Waldi Heidepriem (erinnert sich noch jemand an die Modern Jazz Group Freiburg? Ich suche deren EP immer noch für meine Sammlung!). "Voicings" als Überschrift für eine Posaunen-LP ist sicher eine gewagte Akzentuierung bei einem Instrument, was nicht gerade für eine große Stimmungsbandbreite eine Garant sein kann. Das Versprechen wird mehr als eingelöst! Der große Albert Mangelsdorff läßt grüßen und sein mehrstimmiges Spiel wird im Posaunenchor (Overdub) nachgebildet. Mit seiner ersten (bisher einzigen?) LP beweist Lucas Heidepriem jedoch, daß er nach den Lehr- und Wanderjahren gelernt hat, auf die eigene Fähigkeiten zu bauen. So gelingt ihm mühelos selbst die Rückführung des Standards "Stella" auf das ursprünglich in der Komposition vorgegebene langsame Tempo. Ein Vergleich LP - CD muß entfallen: Die LP ist satt und sauber ohne Knistern und Knacken und fordert das Hörerlebnis im High-End-Format geradezu heraus.


Chico Freeman: Sweet Explosion

In & Out Records IOR 7010-1

Chico Freeman ts,ss,synthophone, IVL Pitchrider / Delmar Brown keyboards,p,voc / Norman Hedman perc / Alex Blake b,e-b / Tommy Campbell dr

Peaceful heart / Exotic places / Afro tang / My heart / Pacifia I,II & III / CD only: Read the signs (10:37) / On the Nile (12:06)

rec. Ronnie Scotts, London, GB  April 1990
Time: 51:15
prod. Chico Freeman & Norman Hedman

Ich muß zugeben, die Besprechung dieser LP hat mir von allen die größte Mühe bereitet: Nicht weil Chico Freeman musikalische Defizite hätte, nicht weil die Begleiter ihr Handwerkszeug nicht beherrschen würden und auch nicht, weil die LP technische Mängel aufweisen würde. Weil mir Alles zu glatt daherkommt. Es fehlen die spitzen Ecken, das, was mit Expressivität, mit Individualität umschrieben wird. Meine Erwartungen sind bei einem Saxophonisten diesen Kalibers vielleicht zu hoch, warum soll er nicht mit Eingängigem, mit Ohrwürmern ohne Windungen und Spiralen die Kids zum Jazz-Hören und -Entdecken bringen? Bildlich ausgedrückt: Stellen Sie sich eine DNA-Doppelhelix vor, die in die Länge gezogen, ihre Mehr-Dimensionalität verloren hat und Sie kennen den Weg von Chico's India Navigation LP von 1977 bis zu "Sweet Explosion von 1990.  Vielleicht ist es eine Frage des Alterns: aber ich fühle mich nicht auf ein anderes "level" gehoben, wie in den liner-notes versprochen wird. Technisch gibt es auch hier nichts auszusetzen, auf die 2 zusätzlichen Titel der CD muß der Analog-Freak verzichten. Rundherum sicher die eingängiste aller IN & OUT Produktionen!


Nat Adderley Quintet:  We Remember Cannon

In & Out Records IOR 7012-1

Nat Adderley cornet / Vincent Herring as / Art Resnick p / Walter Booker b / Jimmy Cobb dr

I’ll remember April / Unit 7 / Talkin’ about you, Cannon / Work song / Soul eyes / Stella by starlight / CD only: Autumn leaves (13:51)

rec. Live at the Moonwalker Club, Aarburg,CH  18.11.1989

Time:  52:23
prod. Mike Hennessey

Es ist sicher ein gewagtes Unterfangen, eine Formation unter dieser Flagge zusammenzustellen und zu präsentieren: Julian "Cannonball" ist durch Nichts und Niemanden zu ersetzen. Auch wenn dieser "Niemand" die Kraft, den Einfallsreichtum, die Spontanität und die technische Brillianz eines Vincent Herring aufweist. Aber sicher haben das die Musiker alle gewußt. Es werden zwar (fast) ausschließlich Themen aus der Karriere des legendären Quintets der 50iger und 60iger Jahre zelebriert, aber Leichenfledderei und Diebstahl wäre das Letzte, was man allen Beteiligten vorwerfen dürfte. Der Fernsehauftritt im Kölner Subway ist mir noch in guter Erinnerung; technisch und musikalisch ergiebiger ist jedoch dieser Mitschnitt aus dem Moonwalker Club. Das Geld für die 52 bzw. 67 Minuten ist gut angelegt, dafür bekommt man heißen Hardbop, schmachtige Balladen, Musik für die Beine und die Seele. Eine Empfehlung, ob CD oder LP zu empfehlen ist, verkneife ich mir: Fast immer bevorzuge ich die LP, aber auf "Autumn leaves" verzichten müssen, ist schon beinahe Konsumverzicht.

alle Kritiken Dr.Michael Frohne